WeReo-Erfahrungsberichte
Die
Firma epro Elektronik & Systemtechnik GmbH
In
welcher Branche ist das Unternehmen tätig?
Der
Rüstungszulieferer epro Elektronik & Systemtechnik GmbH ist
ein Betrieb der Feinmechanik und Elektrotechnik im Bereich der
Wehrtechnik.
Wieviele
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in dem Unternehmen beschäftigt?
epro
Elektronik & Systemtechnik GmbH beschäftigt ca. 200
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Welches
Problem sollte mit der Reorganisationsmaßnahme gelöst
werden?
Das
Unternehmen steht vor existentiellen Herausforderungen, um seine
industriellen Produktionsstätte zu sichern:
Umstellung
von Rüstungs- auf Zivilprodukte (Konversion) Die
veränderte geopolitische Lage nach dem Fall der Mauer und die
damit verbundene Anpassung der internationalen wie nationalen
Militärstrategien hat einen umfassenden Rückgang der
Wehrtechnik zur Folge. Gefordert waren demnach Initiativen zur
Produktfindung und Produktkonversion sowie deren Koordinierung.
Abkoppelung
von der Konzernorganisation und Auflösung der
Abhängigkeitsstruktur verlängerte
Werkbank Angesichts des Wandels plant die
Konzernleitung, das Werk zu schließen. Bevor es dazu kommt,
übernimmt eine Gruppe von regional ansässigen
Gesellschaftern das Werk und löst es aus dem Verbund mit dem
Konzern. Vor der Herauslösung aus den Konzernstrukturen ist das
Werk eine verlängerte Werkbank der Hollandse-Signalapparaaten,
Hengelo. Produktionsfunktionen wie Arbeitsvorbereitung, Entwicklung
und Endmontage gibt es nicht. Ein klassischer Arbeitsablauf bestimmt
die Produktionsweise. Diese suboptimale Arbeitsweise in der
Tradition eines wehrtechnischen Unternehmens durch bürokratische
Ablauforganisation und veraltete Technologien macht eine
Neubestimmung der Produktorganisation erforderlich. Darüber
hinaus existiert weder ein eigener Zugang zu den Märkten, noch
ein eigener Vertrieb.
Welche
Veränderungen sind vorgenommen worden?
Um
die existentiellen Herausforderungen in den drei Bereichen Produkt,
Technik, Organisation bestehen zu können und innovative Lösungen
zu finden, initiiert der Betriebsrat gemeinsam mit der
Geschäftsführung einen Runden Tisch, an dem mit
den regionalen Akteuren die Situation des Unternehmen besprochen und
nach Möglichkeiten von Umstrukturierung und Konversion gesucht
wird. Das Projekt Konversion durch Qualifizierung wurde
gestartet. Ziele des Projekts sind:
Erhalt
des Unternehmens und der Arbeitsplätze
Schaffung
von Arbeitsplatzmobilität der von der Arbeitslosigkeit
bedrohten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
Förderung
der regionalen Beschäftigungsstruktur
Unterstützung
der Führungskräfte und Beteiligung der Belegschaft bei
Umstrukturierung und Konversion
Während
des Projektes Konversion durch Qualifizierung werden u.
a. folgende Umstrukturierungen initiiert und in mehr oder weniger
großem Umfang durch das Qualifizierungsprojekt begleitet:
Einführung
von vier Produktionscentern: Elektronikfertigung, Mechanik und
Sondermaschinenbau, Software
Integration
des neuen Produktbereichs MMS (Maschine Mentoring System)
Einführung
eines PPS-Systems (Produktionsplanung und Steuerung)
Verbesserung
der Nutzung und Planung der technischen Informationsverarbeitung
(CAD, CAM)
Einführung
der Gruppenarbeit im Bereich der Elektronikfertigung
Aufbau
eines Qualitätsmanagementsystems nach der DIN ISO 9001
Damit
einher geht die kontinuierliche Optimierung der innerbetrieblichen
Organisationsstruktur. Schlüsselfunktion für das Projekt
hat insbesondere die abteilungsübergreifende Initiative für
Ideenwerkstätten zur Produktfindung. Die Ideenwerkstätten
sorgen dafür, dass die gesamte Belegschaft die organisatorische
und produktseitige Umstellung mitträgt. Führungskräfte,
Fachleute und Mitarbeiter aus allen Ebenen arbeiten in den Workshops
zur Produktfindung zusammen.
Welche
Qualifizierungen haben den Reorganisationsprozess begleitet?
Der
Runde Tisch beauftragte die Technische Akademie Ahaus (TAA) ein den
Umstrukturierungs- und Konversionsprozess begleitendes
Qualifizierungsprojekt in Gang zu setzen, wobei die den
Konversionsprozess begleitenden Qualifizierungsmaßnahmen in
enger Abstimmung mit den betrieblichen Projekten und Prozessen
geplant und durchgeführt werden.
Im
Rahmen des Qualifizierungsprojekts werden zunächst umfangreiche
Qualifizierungsbedarfsanalysen für die Gesamtbelegschaft
durchgeführt. Aufgrund der Analyseergebnisse erfolgt durch die
TAA die Erarbeitung eines Qualifizierungskonzepts sowie die
Entwicklung von Feinkonzepten zu speziellen Qualifizierungsbereichen.
Anschließend beginnt unter dem Titel Konversion durch
Qualifizierung die Umsetzung des Konzeptes. Um die
Qualifizierungsprozesse inhaltlich und organisatorisch jederzeit auf
die betrieblichen Umstrukturierungsprozesse abstimmen zu können,
arbeiten die von der TAA entsandten Mitarbeiter unmittelbar vor Ort
in einem Büro des Unternehmens. Die Qualifizierungsmaßnahmen
fanden bis auf wenige Ausnahmen (ca. 10%) außerhalb der
Arbeitszeit statt.
Welche
Ergebnisse sind kurz- oder langfristig erzielt worden? Wie zufrieden
war das Unternehmen mit diesen Ergebnissen?
Die
epro Elektronik & Systemtechnik GmbH hat sich von der
verlängerten Werkbank zu einem
technisch-organisatorisch flexiblen und innovativen Unternehmen
gewandelt.
Werden
Tipps, Hinweise, Ratschläge für andere Unternehmen gegeben?
In
dem Projekt Konversion durch Qualifizierung wurden
Elemente wie Qualifizierungsberatung, Technikeinführung und
Verbesserung der Qualität, Motivation und Qualifikation
zusammengeführt. Dies war nur möglich, indem man die
Aktivitäten der beteiligten Institutionen, Berater und
Projektmitarbeiter miteinander verband. Ihr breitgefächertes
Know-how, aber auch die Innovationsfreudigkeit der Geschäftsführung
sowie das starke Engagement der Beschäftigten trugen maßgeblich
zum Erfolg des Projekts bei.
Die
Veränderung eines mittelständischen Betriebes von der
verlängerten Werkbank hin zu einem eigenständigen,
flexiblen, innovativen Unternehmen hat grundsätzliche
Umstrukturierungen zur Folge, die nur bewältigt werden können,
wenn wie bei der epro GmbH der Fall Geschäftsleitung,
Betriebsrat und Belegschaft miteinander kooperierend an einem Ziel
arbeiten. Ist das Ziel das Unternehmen retten und
zukunftsfähig gestalten auch klar, so birgt der Weg
dorthin allerdings jede Menge unterschiedlicher Interessen, die
berücksichtigt, austariert und vereint werden müssen. Das
setzt eine hohe Kommunikations- und Kompromissfähigkeit aller
Beteiligten voraus.
Die
Sitzungen der Steuerungsgruppe sind wichtige Foren für die
konstruktiven und inhaltlich umfassenden Diskussionen, die seit
Projektbeginn geführt werden. Alle Mitglieder betrachten
insbesondere den Informations- und Gedankenaustausch als
gewinnbringend. Ein glücklicher Umstand besteht darin, dass
alle Steuergruppenmitglieder mindestens in der Umsetzung und in
großen Teilen auch an der Konzeption der
Qualifizierungsmaßnahmen beteiligt sind. Durch die regelmäßige
Teilnahme von mindestens drei Vertretern der Unternehmen (Technische
Leitung, Geschäftsführung, Betriebsrat) an den Sitzungen
kann die Verzahnung zu anderen betrieblichen Projekten bewältigt
werden.
Im
Laufe der zweijährigen Projektzeit waren auch aufgrund
sich verändernder Auftragslagen im Moderationsprozess
mehrmalige Neuorientierungen nötig. Denn das Projektteam
stellte rasch fest, dass Qualifizierung, wenn sie als isolierte
Dienstleistung gehandhabt wird, nur sehr eingeschränkt wirksam
ist. Durch eine umfassende Einbindung in das sich wandelnde
Unternehmen unterstützt Qualifizierung jedoch auf hervorragende
Weise innerbetriebliche Neustrukturierungsprozesse wie
Produktfindung und Prozessoptimierung.
Insbesondere
auf der Ebene des Projektmanagements und der Entwicklung von Teil-
und Feinkonzepten muss genau unterschieden werden, ob z. B. ein
pädagogischer oder sozialwissenschaftlicher Ansatz mit
ingenieur- bzw. wirtschaftswissenschaftlichen Ansätzen
harmonisiert. Es bewährt sich aber in jedem Fall, eine
entsprechend heterogene Zusammensetzung des Projektteams wie
im vorliegenden Fall zu gewährleisten.
Extern
beauftragte Berater und Trainer haben oft ein eigenes
Vermarktungsinteresse. Im Zuge dessen können Kooperationen zu
Interessenkollisionen führen. Eine Unterschrift
unter inhaltliche Leitlinien kann nur innerhalb einer
Vertrauensbeziehung erwartet werden. Weiterbildungsanbieter müssen
lernen, sich als lernende Akteure im lernenden Unternehmen zu
verstehen. Ansonsten ist die Gefahr groß, dass die
Problemorientierung von Seminaren oder die Zielsetzung von Workshops
auf der Strecke bleibt. Als kontraproduktiv erweisen sich
normalerweise starre Lehrpläne und festgelegte Kurszeiten. Mit
dieser Haltung können sich die Weiterbildungsorganisationen
kaum auf ihre oft gemischte Zielgruppe einstellen.
Es
sei betont, dass eine fachliche Ausrichtung der beteiligten Berater,
Referenten und Trainer in der Regel erst eine wirksame Umsetzung im
direkten Kontakt mit den fachlich versierten Führungskräften
und Mitarbeitern ermöglicht. Eine rein methodisch bzw.
konzeptionelle Herangehensweise wird in der Regel nicht zu einer
Umsetzungsorientierung führen.
Die
soziale Nähe der Berater und Trainer zu den Zielgruppen
ermöglicht erst eine glaubwürdige Qualifizierung. Hierbei
haben sich Trainer und Berater nicht nur sprachlich, sondern auch
hinsichtlich der Rahmenbedingung für Qualifizierung in die
Verhältnisse des betroffenen Unternehmens einzupassen. Die
Weiterbildungsanbieter sollten die soziale Dynamik des Unternehmens
sowie den politischen Impetus der Geschäftsführung und des
Betriebsrates und der Projektleitung im Sinne eines
Dienstleistungsverhältnisses verinnerlichen.
Es
hat sich gezeigt, dass Qualifizierungsprojekte um so erfolgreicher
sind, je mehr es gelingt, die Mitarbeiter sowie die Führungskräfte
in die Qualifizierungsplanung und das Projektmanagement
einzubeziehen.
Quelle:
Bärmann, T. und Baumanns, C. (1997). Vom Rüstungszulieferer
zum zukunftsfähigen Unternehmen. Qualifizierung für
Reorganisation, Produktinnovation und Konversion. Eine Dokumentation
der Technischen Akademie Ahaus.
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