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WeReo-Erfahrungsberichte

Praxisbeispiel HD-Guß, Gevelsberg


1. Ausgangssituation


Die Heinrich Dieckerhoff Guß GmbH ist ein Tochterunternehmen der Harzer Graugusswerke und stellt komplexe Gussteile aus Grau- und Sphäroguß vornehmlich für die Automobilindustrie her. Das Unternehmen befindet sich seit Mitte 1995 in einem dramatischen, marktbedingten Anpassungsprozess, der aus einer nahezu vollständigen Substitution des bestehenden Produktionsprogramms durch neue Werkstoffe und sogenannte Sicherheitsteile resultiert. Verbunden mit dem bereits vollzogenen und noch anstehenden Anlauf von ca. 150 Neuteilen standen erhebliche Investitionen in moderne Produktionsanlagen, die komplette chargenorientierte Neuorganisation der Produktion und der Aufbau eines anforderungsgerechten Qualitätsmanagementsystems an. Das Unternehmen beschäftigte in 1994 ca. 190 Mitarbeiter und erwirtschaftete einen Umsatz von 32 Mio. DM.


Aufgrund der vorhandenen Mitarbeiterqualifikation konnten die umfangreichen Anpassungs-, Reorganisations- und Neuanlaufmaßnahmen nur in Verbindung mit einer erheblichen fachlichen und überfachlichen Qualifizierung der Mitarbeiter realisiert werden.


Vor diesem Hintergrund bestand die Aufgabenstellung darin, ein HD-spezifisches, fachliches und überfachliches Qualifizierungsprogramm zu entwickeln und durchzuführen, das den personellen und qualifikationsbedingten Gegebenheiten und Anforderungen voll gerecht wird und das die Mitarbeiter darüber hinaus auch zu mehr Leistung und Engagement an ihrem Arbeitsplatz und damit für ihr Unternehmen motiviert.


2. Aufgaben-/Problemstellung


Die Wiedererlangung der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens HD Guss setzte eine erfolgreiche Einführung der neuen Produkte sowie die Realisierung der mit den Investitionsmaßnahmen verbundenen Effizienzsteigerungspotentiale voraus. Die Vorbereitung der Mitarbeiter auf die Anpassungs- und Reorganisationsmaßnahmen beinhaltete als Aufgabenstellung eine möglichst weitgehende Einbindung der Mitarbeiter in die Gestaltung und Umsetzung dieser Maßnahmen. Nur durch die Sensibilisierung und Aktivierung der betroffenen Mitarbeiter konnte ein langfristiger Erfolg erwartet werden.


Zum Erreichen dieser Zielsetzung wurde von den Projektverantwortlichen das Instrument des Kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (KVP) ausgewählt. Mitarbeiter aus allen Hierarchieebenen sollten im Anschluss an die für die Einführung des KVP unabdingbaren Qualifizierungsmaßnahmen in die Gestaltungsprozesse aktiv eingebunden werden und nach Möglichkeit selbständig die Umsetzung vorantreiben. Die aufzubauende KVP-Organisation sollte darüber hinaus durch eine teamorientierte Struktur mit interdisziplinären Elementen geprägt sein.


Zusätzlich zur Einführung des KVP stand das Unternehmen gegen Ende des Jahres 1996 vor der Situation, dass Großkunden den Nachweis eines eingeführten und wirksamen QM-Systems verlangten. Dieser Nachweis musste durch die Zertifizierung des QM-Systems nach den Richtlinien der Regelwerke DIN EN ISO 9000ff, der VDA 6.1 und der QS 9000 bis Ende 1997 erfolgen. Für den Fall einer nicht erfolgreichen Zertifizierung drohte der Verlust von Aufträgen bzw. die Nichtberücksichtigung bei Neuteilvergaben. Der daraus resultierende Umsatzeinbruch hätte die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit des Unternehmens in extremster Weise gefährdet. Damit wurde die erfolgreiche Einführung und Zertifizierung eines anforderungsgerechten QM-Systems für das Fortbestehen der Heinr. Dieckerhoff Guß und für den Erhalt der Arbeitsplätze zwingend erforderlich.


Bereits seit 1993 existierte ein dokumentiertes Qualitätsmanagement-System (Qualitätsmanagement-Handbuch mit Verfahrens- und Arbeitsanweisungen). Dieses System wies jedoch gravierende Mängel auf:


  • Die im QM-Handbuch dokumentierten Strukturen und Abläufe entsprachen nicht den vorgefundenen Prozessen im Unternehmen.

  • Bestehende Verfahrens- und Arbeitsanweisungen wurden nicht umgesetzt.

  • Qualitätsrelevante Prozesse waren nicht normenkonform (insbesondere die Richtlinien VDA 6.1 und QS 9000 betreffend) definiert.

  • Bei den Mitarbeitern aus allen Ebenen des Unternehmens bestanden z.T. erhebliche fachliche und überfachliche Qualifikationsdefizite.


Daher waren zur Vorbereitung auf eine erfolgreiche Zertifizierung umfangreiche Anpassungen der Prozesse und ein Wandel hin zu einer qualitätsorientierten Unternehmenskultur zwingend notwendig. Die konzeptionellen Maßnahmen mussten zur Schaffung einer breiten Akzeptanz im Unternehmen durch umfassende Schulungsmaßnahmen flankiert werden. Die Aufgabe bestand im folgenden darin, insbesondere die Führungskräfte für diesen Veränderungsprozess zu qualifizieren und zu motivieren. Das dazu notwendige Qualifizierungs- und Motivationsprogramm musste der prozessorientierten Struktur, dem mitarbeiterorientierten Führungsstil sowie dem KVP-Gedanken Rechnung tragen.


3. Vorgehensweise


Teilprojekt 1: KVP


Zu Beginn der Projektarbeit stand eine umfassende Bestandsaufnahme der unternehmensspezifischen Strukturen wie auch die Analyse bestimmter Kennzahlen aus den Bereichen Produktivität, Qualität, Arbeitssicherheit und Mitarbeiterqualifikation. Ziel dieser Analyse war das Aufdecken von Verbesserungspotentialen, um erste Hinweise auf mögliche KVP-Themen zu erhalten.


Die Komplexität einiger Problemfelder sowie der Anspruch, alle Hierarchiestufen im Unternehmen in den Prozess der ständigen Verbesserung einzubeziehen, führte zu einer KVP-Organisation mit unterschiedlichen Bausteinen und Zielsetzungen:


  • Lenkungsausschuss (Koordination der KVP-Aktivitäten und Kontrolle der Zielerreichung),

  • KVP-Teams (Entwickeln von Verbesserungsideen und Mithilfe bei der Umsetzung),

  • KVP2 -Workshops (schnelle Problemlösung und Umsetzung vor Ort bei Problemen mit hohem Leidensdruck),

  • KVP-Projekte (Bearbeitung von komplexen und zeitlich ausgedehnten Problemstellungen durch ein Projektteam) und

  • Betriebliches Vorschlagswesen mit Abschluss einer Betriebsvereinbarung (Bewertung und Prämierung von Verbesserungsvorschlägen einzelner Mitarbeiter oder von Gruppen).


Die Definition der KVP-Teams erfolgte prozessorientiert, d.h. in den Teams sollten Mitarbeiter aus Unternehmensbereichen zusammenkommen, die in einer internen Kunden-Lieferanten-Beziehung zueinander stehen. Im Rahmen der Bestandsaufnahme hatte sich erwiesen, dass insbesondere die unzureichende Wahrnehmung dieser Beziehung zu Abstimmungsproblemen führte und eine häufige Fehlerquelle darstellte. Diesen Überlegungen folgend wurden Teams in den Bereichen Modell- bau und Kernmacherei, Schmelzbetrieb und Formerei sowie Strahlanlage und Putzerei/Endfertigung gebildet. Die Leitung dieser Teams erfolgte durch KVP- Moderatoren, die im Rahmen des Qualifizierungsprogramms entsprechend auf diese Aufgabe vorbereitet wurden. Zur Unterstützung wurden aus Reihen der Führungskräfte für jedes Team KVP-Paten benannt, die in ihrer Funktion als ”Machtpromotoren” im Unternehmen insbesondere bei der Beseitigung bestehender Hindernisse für die Umsetzung von Verbesserungen aktiv werden sollten.


Während der Startphase der KVP-Arbeit wurden die Mitarbeiterkreise intensiv durch einen intra-Berater betreut. Diese Hilfestellung verfolgte das Ziel, den Moderator an die selbständige Leitung eines KVP-Teams heranzuführen und darüber hinaus die Zielorientierung der Mitarbeiterteams zu gewährleisten. Als weitere Maßnahme zur Unterstützung einer erfolgreichen KVP-Einführung war ein geeignetes visuelles Management zu installieren. Die dazu konzipierten Schautafeln stellen in den Produktionsbereichen die Entwicklung ausgewählter Kennzahlen dar und geben den Teams die Gelegenheit, ihre aktuellen Themen auf den Tafeln vorzustellen. Weitere Inhalte sind Informationen der Abteilung Qualitätsmanagement mit dem Hinweis auf Fehlerschwerpunkte und die zu treffenden Abstellmaßnahmen.


Die Integration der Führungskräfte in die KVP-Initiative wurde durch die Implementierung der Bausteine ”KVP2-Workshop” und ”KVP-Projekt” realisiert. Während KVP2-Workshops das Ziel einer schnellen Problemanalyse und sofortigen Umsetzung der Problemlösungsmaßnahmen verfolgen, erfordern KVP-Projekte aufgrund ihrer Komplexität und zeitlichen Ausdehnung eine Projektmanagement-Organisation unter Leitung einer Führungskraft. Da diese Arbeitsweisen und Problemlösungstechniken für den einzubeziehenden Personenkreis Neuland darstellten, mussten die Führungskräfte durch geeignete Qualifizierungsmaßnahmen mit diesen Themen vertraut gemacht werden. Die Durchführung von Pilotworkshop bzw. –projekt mit Unterstützung durch einen Berater ermöglichte die Anwendung und Vertiefung der erlernten Inhalte in der Praxis.


Teilprojekt 2: Einführung QM-System/Zertifzierung


Die Vorgehensweise zur Einführung und Zertifizierung eines Qualitätsmanagement-Systems lässt sich in folgende Projektphasen untergliedern:


  • Definitionsphase

  • Analysephase

  • Konzeptphase

  • Einführungsphase


Definitionsphase

Die Definitionsphase diente primär der Identifikation und Festlegung der relevanten Anforderungen an das Qualitätsmanagement-System. Diese Rahmenbedingungen orientierten sich in erster Linie an den zugrundeliegenden Regelwerken (z.B. DIN EN ISO 9000 ff). Neben den definierten Anforderungen bildete die Qualitätspolitik des Unternehmens eine weitere, fundamentale Grundlage des Qualitätsmanagement-Systems. Aus der Qualitätspolitik leiteten sich die Qualitätsziele ab, die für die Messung der Wirksamkeit des QM-Systems herangezogen wurden.


Weiterhin war eine frühzeitige Information und Qualifizierung der Führungskräfte unabdingbar. Die Identifikation dieses Personenkreises mit der gemeinsamen Aufgabenstellung und die Übernahme einer Vorbildfunktion bei der Umsetzung der Maßnahmen bildeten kritische Erfolgsfaktoren für die Projektdurchführung. Darüber hinaus schafften diese Maßnahmen die Voraussetzungen zur Einbindung der Führungskräfte in die aktive Projektarbeit.


Analysephase

Während der Analysephase erfolgte der Abgleich zwischen dem vorgefundenen Ist-Stand des QM-Systems und den zu Beginn definierten Anforderungen. Dabei wurde sowohl der Reifegrad der Dokumentation berücksichtigt, wie auch der Umsetzungsstand der systemspezifischen Verfahren und Anweisungen im Unternehmen festgestellt. Daraus resultierte ein Schwachstellenprofil, das die bestehenden Abweichungen aufzeigte und die Grundlage für die durchzuführenden Korrekturmaßnahmen bildete.


Konzeptphase

Die Aufgabenstellung der Konzeptphase bestand aus der Definition und Umsetzung der notwendigen Korrekturmaßnahmen. In dieser Phase wurde insbesondere die aus den Anforderungen der QS 9000 und VDA 6.1 für das Unternehmen resultierenden ”neuen” Verfahren konzipiert (z.B. Aufgaben der Unternehmensleitung) und bestehende Verfahren überarbeitet. Neben der Gestaltung der Prozessabläufe wurde der Fokus auf die eindeutige Zuordnung von Verantwortlichkeiten gewichtet. Die Ergebnisse wurden in geeigneter Weise dokumentiert (QM-Handbuch, Verfahrens-/Arbeitsanweisung). Abgestimmt auf die in der Analysephase festgestellten Qualifizierungsbedarfe wurde dann ein Schulungsplan aufgestellt, der die notwendigen fachlichen und überfachlichen Qualifizierungsmaßnahmen beinhaltete.


Einführungsphase

Ziel der Einführungsphase war die Umsetzung des erarbeiteten und dokumentierten Qualitätsmanagement-Systems im Unternehmen. Dazu wurden alle Mitarbeiter umfassend informiert und qualifiziert. Maßgeblich für den Erfolg der Umsetzung war die Unterstützung und die Wahrnehmung der Vorbildfunktion durch die Führungskräfte. Sie müssten ihre Mitarbeiter mit den dokumentierten Verfahren und Anweisungen vertraut machen und durch aktives Vorleben die Prinzipien und Ziele der Qualitätspolitik vor Ort vertreten.


Als wichtiges Kriterium zur Beurteilung des Erfolgs der Umsetzung und somit zur Bewertung der Wirksamkeit des Qualitätsmanagement-Systems diente das interne Audit. Anhand eines unternehmensspezifischen Katalogs von Checklisten stellte ein Auditor den Erfüllungsgrad der festgelegten Anforderungen fest und deckte Abweichungen auf. Dabei wurden sowohl Dokumentation als auch Umsetzung der QM-Verfahren vor dem Hintergrund der definierten Anforderungen bewertet.


Projektdurchführung und Umsetzung des QM-Systems

Zur Identifikation und Beseitigung vorhandener Schwachstellen wurden Projektteams gebildet. Durch die Einbeziehung der Unternehmensbereiche in die Projektarbeit wurde dem Prinzip ”mache Betroffene zu Beteiligten” folge geleistet. Die Teamzusammensetzung wurde je nach Aufgabenstellung bereichsübergreifend (vornehmlich zur Bearbeitung von Verfahrensanweisungen) oder bereichsspezifisch (Bearbeitung von Arbeitsanweisungen und Umsetzung vor Ort) vorgenommen. Die bereichsübergreifenden Teams setzten sich aus den am jeweiligen Verfahren beteiligten Verantwortlichen zusammen (horizontale Teamstruktur). Bei der Bildung der Bereichsteams wurden Fertigungsleitung, Meister, Vorarbeiter und teilweise Werker einbezogen (vertikale Teamstruktur).


Im Rahmen der Teamarbeit wurden zu Beginn die spezifischen Anforderungen an das Verfahren bzw. den Bereich detailliert erläutert. Anschließend erfolgte eine gemeinsame Ist-Aufnahme des bestehenden Verfahrensablaufs bzw. des Umsetzungsstandes vor Ort in den jeweiligen Bereichen. Bestehende Abweichungen konnten durch den Abgleich mit den definierten Forderungen an das QM-System identifiziert werden. Zur Korrektur dieser Abweichungen wurden im Team Maßnahmenpläne vereinbart und die Dokumentation innerhalb des QM-Systems ent-sprechend angepasst. Die Wirksamkeit dieser Korrekturmaßnahmen wurde im Rahmen der internen Audits überprüft.


Die Inhalte der Regelwerke QS 9000 und VDA 6.1 definieren im Vergleich zur DIN EN ISO 9000 ff insbesondere an das Management neue Anforderungen. Dazu zählen


  • umfassende Bewertung der Wirksamkeit des QM-Systems,

  • Benchmarking,

  • System zur Erfassung der Qualitätskosten,

  • System zur Messung der Kundenzufriedenheit,

  • unternehmensweite Qualifizierung,

  • Förderung der Mitarbeiterzufriedenheit und

  • Umsetzung von KVP.


Kernelement zur Erfüllung dieser Anforderungen war der Aufbau eines umfassenden Kennzahlensystems mit zugehörigem Berichtswesen. Dazu wurden geeignete Kennzahlen aus den übergeordneten Zielen der Qualitätspolitik abgeleitet und Zielvereinbarungen zwischen Unternehmensleitung und den verantwortlichen Führungskräften getroffen. Zur Ermittlung der Kennzahlenwerte wurden anschließend die notwendigen Erfassungssysteme gemeinsam mit den Verantwortlichen konzipiert und die geeigneten Berichtsformate definiert.


Das QM-System sieht vor, dass die Zielerreichungsgrade in regelmäßigen Abständen durch die Verantwortlichen festgestellt und die im Bedarfsfall ergriffenen Korrekturmaßnahmen an die Unternehmensleitung berichtet werden. Vor dem Hintergrund der Geschäftsplanung und der ausgewählten Benchmarks bewertet die Leitung die gemeldeten Kennzahlen. Wird als Ergebnis dieser Bewertung eine nur eingeschränkte Wirksamkeit des QM-Systems konstatiert, erfolgt die Definition von Korrekturmaßnahmen, die in Form von Maßnahmenplänen mit den betreffenden Bereichsverantwortlichen vereinbart werden. Für eine erfolgreiche Umsetzung dieser Maßnahmen hat sich ein Maßnahmencontrolling direkt durch die Unternehmensleitung als notwendige Voraussetzung herausgestellt.


Die Überprüfung der Wirksamkeit der Korrekturmaßnahmen bzw. die Normenkonformität des QM-Systems (d.h. QM-Dokumentation und Umsetzung genügen den definierten Anforderungen) erfolgte innerhalb interner Audits. Auf Basis der vorliegenden Regelwerke wurden bereichsspezifische Audit-Checklisten erstellt. Durch Interviews mit den Bereichsverantwortlichen und Überprüfungen vor Ort wurde der Erfüllungsgrad für jedes relevante QM-Element in den einzelnen Unternehmensbereichen festgestellt. Dabei wurden die Bewertungsmaßstäbe der VDA 6.1 (Punktbewertung) zugrunde gelegt.


Aufgedeckte Abweichungen wurden gemeinsam mit dem Bereichsverantwortlichen besprochen und die geeigneten Korrekturmaßnahmen festgelegt. Im Verlauf der Audits stellte sich insbesondere die häufig unzureichende Umsetzung der im QM-System festgelegten Abläufe und Anweisungen als Schwachpunkt heraus.


4. Qualifizierungs- und Motivationsprogramm


Teilprojekt 1: KVP


Die Einführung des KVP erfordert umfassende Schulungsmaßnahmen in allen Bereichen und auf allen Ebenen des Unternehmens. Das galt in einem besonderen Maße für HD Guss. Erstmals sollte in diesem Unternehmen ein mitarbeiterorientierter Management-Ansatz verfolgt werden. Dies verlangte sowohl auf der Ebene der Entscheider wie auch auf Seiten der Mitarbeiter eine umfassende Information und Schulung zu den damit verbundenen Themen.


Die Akzeptanz bei den Führungskräften stellt einen wesentlichen Erfolgsfaktor der KVP-Einführung dar. Deshalb war diese Zielgruppe besonders intensiv und umfassend auf die anstehenden Maßnahmen und Veränderungen vorzubereiten. Eine Kick-off-Veranstaltung zu Beginn des Informations- und Schulungsprogramms gab allen Führungskräften erste Informationen zu den geplanten Aktivitäten. Zur Deckung der mit der KVP-Einführung verbundenen Qualifizierungsbedarfe und zur weiteren Information der Führungskräfte wurden Schulungen zu den folgenden Themen durchgeführt:


  • KVP (Grundzüge, Wertschöpfung und Verschwendung, KVP-Arbeitsmittel, KVP2-Workshops),

  • Moderationstechniken,

  • Kreativitätstechniken,

  • Qualitätsmanagement (QM-Systeme, TQM) und

  • Projektmanagement.


Die ausgewählten KVP-Moderatoren stellen ebenfalls Schlüsselakteure für den Erfolg der KVP-Einführung dar. Aus diesem Grund wurden auch sie bei der Qualifizierungsplanung in einem besonderen Maße berücksichtigt. Basierend auf den Ergebnissen der Bestandsaufnahme wurde ein Schulungsprogramm für die KVP-Moderatoren konzipiert, das den aufgezeigten Bedarfsfeldern Rechnung tragen sollte. So bildeten die Themenbereiche ”Qualität” und ”Wertschöpfung und Verschwendung” neben der Vermittlung von Moderations- und Problemlösungstechniken einen Schwerpunkt der Schulungsmaßnahmen. Diese Maßnahmen sollten die Moderatoren soweit befähigen, eigenständig das erlangte Wissen an die Teilnehmer der Teams weitergeben und nach einer Startphase selbständig die Leitung der Mitarbeiterkreise übernehmen zu können.


Zur Ermittlung der fachlichen Qualifizierungsbedarfe insbesondere in den Produktionsbereichen wurde eine systematisierte Bedarfsermittlung und Qualifizierungsplanung eingeführt. Kernelement dieses Systems bildete eine Qualifikationsmatrix je Bereich mit der Darstellung der IST-Qualifikation der Mitarbeiter und den auf die einzelnen Tätigkeiten entfallenden Personalbedarfen. Ermittelte Qualifikationsunterdeckungen wurden in Absprache mit den Mitarbeitern durch geeignete Qualifizierungsmaßnahmen ausgeglichen. Bereichsspezifische Einweisungsprogramme für neue Mitarbeiter, die einen Qualifizierungsfahrplan zur Erreichung der notwendigen Kenntnisse im neuen Arbeitsbereich vorgeben, erleichterten die Einarbeitungsphase.


Teilprojekt Einführung 2: QM-System/Zertifizierung


Die jüngeren Entwicklungen im Bereich der Organisation des Qualitätsmanagements im Unternehmen führten zu einer Neuorientierung. Die früher vornehmlich anzutreffende scharfe Trennung zwischen ausführenden (”Produktion”) und überwachenden Bereichen (”Qualitätssicherung”) findet man heute eher selten vor. Die Prozessverantwortung für qualitätssichernde Maßnahmen hat sich zunehmend von der Abteilung Qualitätssicherung auf die ausführende Ebene verlagert (z.B. Werkerselbstprüfung). Häufig stellt diese neue Aufgabenverteilung Mitarbeiter und insbesondere Führungskräfte aus den Produktionsbereichen vor Probleme. Mangelnde Akzeptanz sowie fehlendes Fachwissen führen zu einer unzureichenden Wahrnehmung der übertragenen Aufgaben und Verantwortungen.


Zur Schaffung der notwendigen Akzeptanz stand zu Beginn der Schulungsmaßnahmen bei HD Guss eine Kick-off-Veranstaltung für alle Führungskräfte. Ziel war in erster Linie die Vermittlung der neuen Aufgabenverteilung gemäß des neuen Qualitätsmanagement-Verständnisses. Darüber hinaus sollten die Teilnehmer einen Überblick zu den Forderungen der Regelwerke an das QM-System erhalten.


Darauffolgend fanden zur Vertiefung dieser Kenntnisse und zur vertikalen Durchdringung des Unternehmens halbtägige Workshops statt, in denen Mitarbeiter aus allen Hierarchiestufen einbezogen waren. Im Rahmen dieser Seminare wurde die Qualitätspolitik der HD Guss vorgestellt und die zentralen Elemente anhand von Fallbeispielen und Übungen von den Teilnehmern aktiv erarbeitet. Dazu zählten


  • Kundenorientierung,

  • Null-Fehler-Strategie,

  • ”Do it right the first time”,

  • Interne Kunden-Lieferanten-Beziehung und

  • ständige Verbesserung.


Darüber hinaus wurden die Forderungen und Inhalte der Regelwerke DIN ISO 9002, VDA 6.1 und QS 9000 näher erläutert. Einen Schwerpunkt bildete die Dokumentation des QM-Systems und die Anwendung der unterschiedlichen Anweisungen in der Praxis.


5. Ergebnisse des Projektes


Teilprojekt 1: KVP


Nach Durchführung der erforderlichen Schulungsmaßnahmen konnten die ersten vier KVP-Teams im September 1996 gestartet werden. Während der Startphase wurden viele ”kleine” Probleme aus dem eigenen Arbeitsbereich gelöst. Mitte 1997 wurden die ersten berechenbaren Vorschläge in das Betriebliche Vorschlagswesen eingereicht, die zu Qualitätsverbesserungen oder zur Effizienzsteigerung führten. Die bereichsübergreifende Teamzusammensetzung hat sich als sehr förderlich für die interne Kunden-Lieferanten-Beziehung herausgestellt. Durch die gemeinsame Diskussion der Problemstellungen konnte in allen Teams eine deutliche Verbesserung im Verständnis für die Belange des anderen Bereichs festgestellt und ein Wissenstransfer zwischen den Bereichen erreicht werden.


Die Pilotdurchführung des KVP2-Workshops behandelte die Themenstellung ”Behälterverwaltung”. Durch die festgelegten und rasch umgesetzten Maßnahmen konnte die Behälterverwaltung effizienter gestaltet, die Transparenz erheblich verbessert und die Materialtrennung wesentlich erleichtert werden.


Als KVP-Projekt wurde die Neugestaltung der Abläufe in der Endfertigung definiert. Mit Unterstützung der Bereichsverantwortlichen und ausgewählter Mitarbeiter wurde ein umfassendes Konzept zur Reorganisation dieses Bereichs erarbeitet und im Januar 1997 vorgestellt. Aufgrund der umfangreichen Aktivitäten im Zuge der Vorbereitung auf die Zertifizierung in 1997 konzentrierten sich die weiteren Umsetzungsmaßnahmen auf die Gestaltung der Schnittstellen Formerei – Endfertigung sowie Endfertigung - Versand. Als Ergebnisse konnten insbesondere verkürzte Durchlaufzeiten und erhöhte Nutzungsgrade der Strahlanlage erzielt werden. Eine erheblich verbesserte Transparenz der Prozesse führte zu einer drastischen Reduzierung der Umlaufbestände und zur Vermeidung von Sortier- oder Suchaktionen.


Teilprojekt 2: Einführung QM-System/Zertifizierung


Trotz der ersten Erfolge musste bedingt durch die Vorbereitung auf die Zertifizierung und die Anlaufphase des neuen Schmelzbetriebs in 1997 eine Stagnation der KVP-Aktivitäten festgestellt werden. Die Kapazitäten von Führungskräften und Mitarbeitern wurden durch die genannten Maßnahmen derartig in Anspruch genommen, dass das Engagement in der KVP-Arbeit vernachlässigt werden musste. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Zertifizierung wurden aber bereits die entsprechenden Maßnahmen eingeleitet, um möglichst bald wieder alle am KVP Beteiligten in die Verbesserungsmaßnahmen aktiv einzubinden.


Die Zertifizierung nach den Regelwerken DIN EN ISO 9002, VDA 6.1 und QS 9000 fand in der Zeit vom 18. - 21. November 1997 statt und wurde durch den TÜV Cert durchgeführt. Im Verlauf der Zertifizierung wurden vier Nebenabweichungen fest-gestellt, die durch entsprechende Verfahrensanweisungen korrigiert werden mussten. Nach Abschluss dieser Korrekturen konnten die Zertifikate im Februar 1998 ausgestellt werden. Somit konnten die Kundenforderungen erfüllt und eine akute Gefährdung des Unternehmens abgewendet werden.


Trotz der erfolgreichen Zertifizierung muss dennoch festgehalten werden, dass sich die neue QM-Philosophie noch nicht durchdringend etablieren konnte. Gerade die teilweise gravierende Diskrepanz zwischen QM-Dokumentation und dem Umsetzungsgrad im Unternehmen lässt auf Defizite insbesondere im Bereich der Führungskräfte schließen. Daher erscheint die Fortführung der Schulungsmaßnahmen auf allen Hierarchieebenen unverzichtbar. Dabei ist die Meisterebene im besonderen Maße gefordert, ihre Mitarbeiter im Sinne der ”Wasserfall-Methode” in den relevanten Abläufen und Verfahren zu unterweisen und die Inhalte der Qualitätspolitik zu vermitteln.


Quelle (CD-ROM): QUATRO & ADAPT. Projekte und Ergebnisse. Hrsg. Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung gGmbH, Bottrop. 2. Update Dezember 1999.



 
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