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WeReo-Erfahrungsberichte

Praxisbeispiel Woeste, Velbert


1. Ausgangssituation


Die R. Woeste & Co. KG ist ein Hersteller von Fittings und kundenspezifischen Teilen aus Temperguss für den Heizungs- und Sanitärhandel sowie die Automobilindustrie. Nach einem stetigen Umsatzrückgang in den Jahren 1991 bis 1993 konnte die R. Woeste GmbH in den vergangenen drei Jahren wieder einen Umsatzzuwachs erzielen. Dabei ist die kontinuierlich steigende Bedeutung der Produktgruppe ”Kundenguss” mit einem Anteil am Gesamtumsatz von über 40 Prozent besonders hervorzuheben. Trotz verbesserter Umsatzsituation und durchgeführter Personalanpassung (1991: 598 Mitarbeiter, 1995: 462 Mitarbeiter) befindet sich das Unternehmen seit Anfang der neunziger Jahre in einer dauerhaften wirtschaftlichen Schieflage, die zu jährlichen Verlusten zum Teil in der Höhe von mehreren Millionen Mark geführt hat.


Ein Grund für diese unbefriedigende Ergebnissituation ist u. a. in der nicht wettbewerbsfähigen Produktivität zu finden. Bedingt durch den gestiegenen Anteil der höherwertigen Produkte der Gruppe ”Kundenguss” und durch Ineffizienzen in der Produktion mußte bezogen auf das Jahr 1993 sogar ein weiterer Anstieg der Kosten DM/Tonne festgestellt werden.


Da die Produktion noch dem klassischen tayloristischen Prinzip folgt, waren die Arbeitsabläufe effektiver zu gestalten und als neue Form der Arbeitsorganisation eine Gruppenarbeit mit entsprechender Gruppenentlohnung einzuführen. Die umfangreiche fachliche als auch überfachliche Qualifizierung der einbezogenen Mitarbeiter ist für eine derartige Reorganisationsmaßnahme als kritischer Erfolgsfaktor zu betrachten.


2. Aufgaben-/Problemstellung


Die bestehende Form der Arbeitsorganisation in der mechanischen Bearbeitung und in ihren nachgelagerten Bereichen war sehr stark funktionsorientiert ausgerichtet. Durch eine extreme Aufgabenverteilung über fünf direkte und sechs indirekte Bereiche hinweg ergaben sich in der Ablaufgestaltung für diesen Bereich häufige Materialflussunterbrechungen und die Mehrfachhandhabung von Teilen. Diese Ineffizienz in den Prozessen führte u. a. zur Verlängerung der Durchlaufzeit und zum Aufbau hoher Umlaufbestände. Darüber hinaus trug die verrichtungsorientierte Organisation bei den Mitarbeitern zu einer mangelnden Identifikation mit dem Produkt und zu einem eher schwach ausgeprägten Qualitätsbewusstsein bei.


Die eingehende Analyse der heute angewandten Entlohnungssysteme in der mechanischen Bearbeitung und in den angrenzenden Bereichen identifizierte als Schwachpunkte insbesondere die ungenügenden Leistungsanreize sowie einen hohen Aufwand für die Pflege dieser Systeme. Weiterhin wurde ein erheblicher Anteil ”Durchschnittslohn” am Gesamtlohn bei einem gleichzeitig sehr hohem Prämienniveau ermittelt.


Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse lag die Aufgabenstellung dieses Projektes nun darin, ein Konzept zur Einführung von Gruppenarbeit und Gruppenentlohnung in der Mechanischen Bearbeitung zu entwickeln, dass


  • Aufgaben der einzelnen Funktionsbereiche in den definierten Gruppen zusammenfasst und Aufgaben der indirekten Bereiche in die Gruppen integriert,

  • auf Basis einer Segmentierung geeignete Gruppenbereiche (Betriebsmittel und Produkte) definiert,

  • durch Qualifizierung der Gruppenmitglieder die notwendige fachliche Flexibilität zur Erzielung einer deutlichen Effizienzsteigerung schafft und

  • durch die Einführung einer Gruppenentlohnung neue und echte Leistungsanreize bietet.


Die mechanische Bearbeitung sollte für das Projekt als Pilotbereich dienen. Dieser und die nachgelagerten Bereiche in der bestehenden funktionalen Struktur waren sehr personenintensiv, d. h. die Mitarbeiter haben einen relativ großen Einfluss auf die Leistung dieser Funktionsbereiche. Darüber hinaus kommt der Mechanischen Bearbeitung eine besondere Bedeutung für die Produktgruppe Kundenguss zu, da in diesem Bereich ein hoher Anteil der Wertschöpfung für derartige Artikel erbracht wird.


3. Vorgehensweise


In der Einführung von Gruppenarbeit bei der Firma Woeste galt es zunächst eine Konzeption für die zukünftige Arbeitsorganisationsform zu entwickeln. Dabei wurden in einem interdisziplinären Team unter Einbeziehung der Mitarbeiter vor Ort folgende Schwerpunkte und Teilprojekte bearbeitet:


  • Segmentierung und Gruppendefinition,

  • Aufgabendefinition der Gruppe,

  • Organisation der Gruppenarbeit und

  • Gruppenentlohnung.


Segmentierung und Gruppendefinition


Ziel der Segmentierung ist die Bildung von homogenen Produktgruppen, die den Fertigungsinseln als Artikelprogramm zugewiesen werden. Die Zusammenführung von Produkten soll innerhalb der Gruppen ein erhöhtes Maß an Qualitäts- und Verantwortungsbewusstsein und eine gesteigerte Identifikation mit dem Produkt bewirken. Daraus resultierende Lerneffekte unterstützen eine effizientere Ablaufgestaltung verbunden mit Materialflussoptimierung und Durchlaufzeitverkürzung.


Aufgrund der besonderen Stellung der Warengruppe ”Kundenguss” und der guten Eignung für die Einführung von Gruppenarbeit wurde dieser Produktionsbereich als Pilot ausgewählt. Das sehr heterogene Teileprogramm erlaubte nicht die Anwendung eines gemeinsamen Kriteriums für das gesamte Artikelspektrum. So mussten zur Findung einer geeigneten Segmentierung verschiedene Kriterien, wie beispielsweise Teilegeometrie, Fertigungstechnologie, Produktkomplexität etc. herangezogen werden.


Auf Basis der gefundenen Segmentierung wurde für die Produktgruppen aus dem Bereich ”Kundenguss” eine Zuordnung der Segmente, d.h. der Maschinen und der dazugehörigen Artikelprogramme, zu drei Gruppen vorgenommen.


Aufgabendefinition der Gruppe


Ziel der Einführung von Gruppenarbeit in der mechanischen Bearbeitung war die Auflösung der bestehenden funktionsorientierten Organisation durch die Integration der einzelnen Funktionen in den Verantwortungsbereich der Gruppe. Neben den direkten Funktionsbereichen waren bestimmte indirekte Aufgaben ebenfalls in die Gruppe einzugliedern. Hier war an erster Stelle die Verlagerung vereinbarter Planungs- und Steuerungsaufgaben von der Arbeitsvorbereitung direkt in die Gruppen zu nennen.


Die Entscheidungen im Rahmen der Feinplanung und Steuerung sollen direkt vor Ort getroffen werden. Dadurch entfallen Zeitverluste durch langwierige Informationsschleifen zwischen der Arbeitsvorbereitung und den ausführenden Stellen. Darüber hinaus stehen den Mitarbeitern vor Ort alle benötigten produktionstechnischen Informationen unmittelbar zur Verfügung, um eine ablaufoptimale Einplanung und Steuerung vornehmen zu können. Ergänzend zur Ablaufplanung übernimmt die Gruppe eigenverantwortlich die Personaleinsatzplanung.


Des weiteren sind sämtliche Prüf- und Kontrolltätigkeiten innerhalb der Gruppe auszuführen. Die Abteilung ”Qualitätssicherung” legt anhand der Beschreibungen in der Dokumentation des QM-Systems alle durchzuführenden qualitätsrelevanten Tätigkeiten fest und gibt bei Bedarf entsprechende Hilfestellungen an die Gruppe, z. B. in Form von Schulungen und Unterweisungen.


Weitere Aufgaben der Gruppe bestehen in der Übernahme des Materialtransportes vom Bereitstellplatz im Rohlager bis zur Anlieferung an das Fertigwarenlager sowie in der Maschinenwartung. Durch geeignete Qualifizierungsmaßnahmen sollen die Mitarbeiter soweit befähigt werden, dass sie bestimmte Wartungs- und Instandhaltungsaufgaben übernehmen und kleinere Reparaturen selbst ausführen können.


Organisation der Gruppenarbeit


Als zentrale Merkmale des Gruppenarbeitskonzeptes sind die Abkehr von einer tayloristisch geprägten Form der Arbeitsorganisation durch die Zusammenführung mehrerer Aufgabenbereiche (job enrichment) und die Übertragung von Verantwortlichkeiten an die Gruppe (job empowerment) zu nennen. Die Qualifizierung der Gruppenmitglieder ermöglicht darüber hinaus die Ausführung der Aufgaben im gemeinsamen Wechsel (job rotation). Die aufgezählten Punkte tragen maßgeblich zu einer deutlichen Steigerung der Arbeitszufriedenheit bei den Mitarbeitern bei.


Zur fachlichen und sozialen Betreuung der Fertigungsinseln wird ein Inselbetreuer eingesetzt. Er verfügt sowohl über fachliche als auch disziplinarische Weisungsbefugnis. Im Gegensatz zur heutigen Funktion des Meisters besteht die primäre Aufgabe des Inselbetreuers allerdings nicht in der Führung sondern verstärkt in der Beratung der Mitarbeiter, wie in der Abbildung auch dargestellt. Sein Ansprechpartner in der Gruppe ist der Gruppensprecher, der ebenso wie sein Stellvertreter durch geheime Wahl mit einfacher Mehrheit von der Gruppe für ein Jahr gewählt wird.


Gruppengespräche werden den Anforderungen entsprechend regelmäßig durchgeführt und dienen als Arbeitsbesprechungen der Lösung von fachlichen, organisatorischen und sozialen Fragen. Sie sollten die Dauer von 30 bis maximal 60 Minuten pro Woche nicht überschreiten. Der Gruppensprecher organisiert und leitet die Gruppenbesprechungen als Moderator.


Im Rahmen der Selbststeuerung übernimmt die Gruppe eigenverantwortlich die Personaleinsatzplanung und führt die Feinsteuerung bzw. Maschinenbelegungsplanung direkt vor Ort durch. Des weiteren regelt die Gruppe selbständig die Aufgabenverteilung. Neben den hinzugewonnenen Rechten haben die Gruppenmitglieder aber ebenso auf die Einhaltung von Pflichten zu achten, wie z. B. die Einhaltung von Richtlinien des Arbeits- und Gesundheitsschutzes. Außerdem sind sie angehalten, im Sinne des KVP nach Maßnahmen zur Vereinfachung und Erleichterung der Arbeit sowie zur Verbesserung der Arbeitsergebnisse zu suchen.


Gruppenentlohnung


Zielsetzung für die Konzeption der Gruppenentlohnung in der Mechanischen Bearbeitung war die Findung eines Lohnsystems, das zu einer erheblichen Vereinfachung der Lohnfindung beiträgt und gleichzeitig die Schaffung echter Leistungs- und Qualifizierungsanreize für alle Gruppenmitglieder beinhaltet. Das aus der obigen Prämisse entwickelte Konzept basiert allein auf den drei in der nachfolgenden Abbildung dargestellten Bestandteilen ”tariflicher Grundlohn”, ”individuelle Zulage” und ”Gruppen-Leistungsprämie”.


Die Lohngruppenfindung folgt dem Prinzip der analytischen Arbeitsbewertung. Zur Schaffung von Qualifizierungsanreizen werden Zwischenlohngruppen gebildet. Für jede Lohngruppe wird ein Tätigkeits- bzw. Qualifikationsprofil erstellt, das eindeutige Voraussetzungen für die Einstufung eines Mitarbeiters in diese Lohngruppe definiert. Die individuelle Zulage richtet sich insbesondere nach dem sozialen und dem individuellen Leistungsverhalten des Mitarbeiters. Zur Feststellung der Höhe dieser Zulage wird jeder Mitarbeiter nach folgenden Kategorien beurteilt:


  • Kooperations-/Führungsverhalten

  • Arbeitssorgfalt

  • Quantitatives- und Qualitätsverhalten

  • Initiative und Engagement


Die Gruppenleistungsprämie wird auf Basis der Produktivitätsleistung der Gruppe bestimmt. Dazu wird das Prinzip der Summenvorgaben angewandt. Dieses Prinzip verfolgt das Ziel, eine einzige Vorgabezeit je Artikel zu definieren, die sämtliche notwendigen Tätigkeiten zur Bearbeitung dieses Artikels in der Produktinsel beinhaltet.


4. Qualifizierungs- und Motivationsprogramm


Die anforderungsgerechte Qualifizierung der Gruppenmitglieder gehört zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren für die Umsetzung der Gruppenarbeit. Um die Effizienzpotentiale ausschöpfen zu können, müssen die Mitarbeiter im Vergleich zum heutigen Zustand über eine weitaus höhere fachliche Flexibilität verfügen, was durch eine fachliche Qualifizierung erreicht wird. Zusätzlich sind zur Vorbereitung der Mitarbeiter auf die neue Form der Zusammenarbeit überfachliche Qualifizierungsmaßnahmen notwendig. Zur Schaffung einer Transparenz gegenüber den Mitarbeitern ist für jede Gruppe ein Schulungsplan aufzustellen, der die zur Realisierung notwendigen Qualifizierungsmaßnahmen und den damit verbundenen Aufwand beinhaltet.


Zur Feststellung der notwendigen fachlichen Qualifizierungsmaßnahmen wurden in einem ersten Schritt alle Fähigkeiten und Qualifikationen, die aus dem Gruppenarbeitskonzept und der Aufgabenintegration in die Gruppe resultieren, in einem Fähigkeitenkatalog gesammelt. Anschließend wurde für jede Gruppe ein Soll-Qualifikationsprofil definiert, das zum ”Funktionieren” der Gruppe als Minimalqualifikation zu betrachten ist. Dazu wurden die gesammelten Fähigkeiten vier Kategorien zugeordnet, die über die Anzahl der benötigten Mitarbeiter, die über diese Fähigkeit verfügen sollen, Auskunft geben. Diese Kategorien reichen von ”alle Mitarbeiter in der Gruppe” (z.B. Materialtransport) bis zu ”mindestens ein Mitarbeiter in der Gruppe” (z.B. KVP-Moderator).


Diese Ergebnisse wurden in ein Qualifikationsblatt überführt, das zusätzlich die Namen der Gruppenmitglieder und die zugehörige Ist-Qualifikation aufnimmt. Durch Abgleich mit dem definierten Soll-Profil können die vorhandenen Qualifikationsdefizite identifiziert und Schulungsbedarfe abgeleitet werden. Dieses Qualifikationsblatt kommt im Bereich der Gruppe zum Aushang. Damit haben die Gruppenmitglieder stets einen Überblick über den aktuellen Qualifikationsstand und können sich gezielt für fachliche Qualifizierungsmaßnahmen melden.


Die überfachliche Qualifizierung der Gruppe soll vor dem Start der Gruppenarbeit durchgeführt werden. Jede Gruppe wird in einem zweitägigen Workshop über die neue Arbeitsorganisation informiert. Inhalte dieser Veranstaltung sind das Gruppenarbeitskonzept, die Gruppenentlohnung, die neuen Aufgaben der Gruppe sowie Durchführung der fachlichen Qualifizierung. Anhand von Rollenspielen werden die Gruppenmitglieder auf die praktische Umsetzung vorbereitet. Neben der Vorbereitung der Gruppenmitglieder ist ebenso eine intensive Schulung des/der Inselbetreuer(s) vorgesehen. Auch er muss mit seinen neuen Aufgaben, Rechten und Pflichten vertraut gemacht werden.


5. Ergebnisse


Das hier vorgestellte Konzept zur Einführung von Gruppenarbeit und Gruppenentlohnung konnte bislang noch nicht umgesetzt werden. Auf Grundlage der angestellten Überlegungen werden allerdings folgende Ergebnisse in der praktischen Umsetzung erwartet:


  • Produktivitätssteigerung (20%),

  • verbesserte Maschinennutzung (10 - 15%),

  • deutliche DLZ-Verkürzung; dadurch Reduzierung der Umlaufbestände und Verbesserung des Servicegrades,

  • erhöhte Flexibilität in der Fertigung,

  • Steigerung der Mitarbeiterzufriedenheit,

  • Schaffung eines ausgeprägten Qualitätsbewusstseins bei den Mitarbeitern,

  • erhöhtes Qualifikationsprofil der Mitarbeiter,

  • Schaffung der Voraussetzungen für die Realisierung der strategischenÜberlegungen im Bereich Kundenguss und

  • deutlich reduzierter Aufwand in den administrativen Bereichen durch erhöhte Transparenz, verkürzte Informationswege, Delegation von Verantwortung vor Ort, vereinfachte Verfahren sowie eine verbesserte Zusammenarbeit mit den produktiven Bereichen.


Die aufgezählten Verbesserungspotentiale lassen sich nach unserer Erfahrung allerdings erst einige Jahre nach Einführung der Gruppenarbeit vollständig realisieren. Insbesondere während der Startphase sind Kapazitäten für die Durchführung der Qualifizierungsmaßnahmen vorzusehen. Aufgrund der Neuartigkeit der Aufgabeninhalte und der Form der Zusammenarbeit für die Mitarbeiter ist sogar ein Leistungsabfall während der Anlaufphase nicht ungewöhnlich.


Quelle (CD-ROM): QUATRO & ADAPT. Projekte und Ergebnisse. Hrsg. Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung gGmbH, Bottrop. 2. Update Dezember 1999.



 
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